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Du befindest dich in der Kategorie: Kaninchenbau Sonntag, 17. Dezember 2006
Nichts gesehen....
Es ist 7:40 Uhr. Ich wache auf. Alleine.
Dann fällt mir wieder ein wieso und an welcher Stelle meines Lebens ich mich befinde. Ich bin hellwach. Kein entkommen vor der Wirklichkeit.
Positionswechsel: Auf die Couch. Warten.
Vor ein Uhr wird sicher nichts passieren. Sie wird noch schlafen. Kein Hoffen darauf dass sie meine Mail beantwortet, oder anruft. Nur warten.
Aber weshalb sollte sie anrufen? Was gibt es noch zu sagen?
Und was sollte sie auf meine Mail antworten? Ich habe ja nichts offen gelassen.
Kein Schlupfloch. Nichts. Wünschte ich ich hätte?
Die Zeit vergeht. Langsam. Ich warte auf der Couch, vor dem PC, vor dem Fernseher, vor dem Telefon. Nichts passiert.
Es ist 16:14 Uhr. Ich halte es nicht mehr aus. Fluchtartig verlasse ich die Wohnung. Draußen ist es angenehm kalt. Ich gehe die Auffahrt hinunter, richte meinen Zopf zurecht. Aus einem Fenster, an der gegenüberliegenden Straßenseite, sehen mich zwei Mädchen an, wohl in meinem Alter. Sie mustern mich. Ich winke. „Hallo.“ ruft eine. „Hallo.“ rufe ich zurück.
Ein anderer Mensch hätte sie sicher angesprochen, etwas getan. Aber das bin ich anscheinend nicht. Ich gehe weiter. Nach ein paar Metern ärgere ich mich.
Meine Schritte führen mich unweigerlich in ‚ihre’ Nähe. Ich denke an schönere Tage. An den Bahnschranken halte ich an. Hier ist nicht mehr mein Zuhause. Diese Stadt hat mir nichts mehr zu bieten. Ich gehe zurück.
Die zwei Mädchen sind nicht mehr da, alle Rollläden in diesem Haus sind heruntergelassen, kein Licht brennt. Eine vertane Chance?
Zuhause, oder was sich so nennt. Wieder am PC. Wieder ist nichts passiert. Kein Telefon, keine E-Mail. Ich könnte sie anrufen, schießt es mir durch den Kopf. Nein.
Aber doch, der Gedanke will nicht gehen. Einfach anrufen. Ohne Grund. Diese Möglichkeit brennt in mir, mein Herz schlägt schneller. Ich muss mit jemandem darüber reden. Mir wird nicht davon abgeraten, aber dann fällt der entscheidende Satz: Er ist wohl noch da. Natürlich. Was dachte ich auch? Sie waren im Gnoom, gestern. Schlagartig beruhigt sich mein Herz. Alle Lust mit ihr zu reden verpufft.
Ich will etwas tun, rufe Leute an, aber niemand ist da. Ich muss etwas tun. Nochmal spazieren? Mich mit einer Flasche Alkohol an den Rhein setzen?
Ja, das klingt gut. Vielleicht passiert so etwas.
Ich sage ich gehe spazieren und mache mich auf den Weg.
Im Plus. Ich stehe an der Kasse. Habe ich heute überhaupt etwas gegessen?
Ich sehe einen Arbeitskollegen an einem Regal. Er hat auch Sorgen, weiß ich. Ob wir uns heute zusammen den Kummer wegtrinken sollten? Er sieht mich nicht und ich werfe die Idee weg. Der Junge in der Schlange vor mir will der dicken hässlichen Kassiererin eine Blume schenken. Sie guckt mich (?) an und macht ein seltsames Geräusch, das wohl Belustigung ausdrücken soll.
Auf dem Weg zum Rhein. Ich habe schon die Bank im Sinn, auf die ich mich setzen will. Einige Meter vor mir läuft ein alter Mann mit braunem Mantel und Hut. Durchschnittsopa. Er dreht sich um, will wissen ob ich gefährlich bin, mit meiner Flasche in der Hand. Er kann sich nicht entscheiden, läuft aber weiter. Am Bootshaus bleibt er stehen, um ein Schild zu lesen. Ich laufe an ihm vorbei, spüre seine Erleichterung. Ich werde langsamer, drehe mich um und sage: „Abend.“
„Wollen wir ein Stück gemeinsam gehen?“ fragt er „Wenn immer einer hinter einem läuft kommt man sich komisch vor.“ „Ja.“ Sage ich „das kenne ich. Ich will aber bloß auf die Bank dort vorne.“ „Sie wollen hier doch nicht übernachten, oder?“ er siezt mich. „Nein.“ Antworte ich „ich habe bloß Liebeskummer.“ Er bleibt stehen. Entsetzt. „Sie sind doch noch so jung. Da muss man doch keinen Liebeskummer haben.“ Das würdige ich keiner Antwort. Ich zeige auf die Bank. „Also, da ist schon mein Ziel... Schönen Abend noch.“ Er schüttelt den Kopf und geht weiter, verschwindet in der Dunkelheit.
Ich sitze auf der Bank, allein. Im ersten Moment ist es ganz schön. Ich habe den Alkohol und laute Musik schreit aus meinen Kopfhörern, direkt in meine Gedanken hinein. Aber ich habe nichts über das ich nachdenken müsste. Alles ist gesagt, jede Entscheidung ist getroffen. Keine Zwickmühlen, keine Für und Wider abwägen. Alles ist klar. Unklar ist nur was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Es wird langweilig. Und kalt. Der Alkohol wärmt nicht.
Nach einer Stunde gehe ich wieder.
Es ist 18 Uhr. Ich verlasse die Unterführung. Auf der anderen Straßenseite läuft jemand und mustert mich. Meine Augen sind aber zu schlecht um ihn erkennen zu können. Ich komme näher. Ich erkenne Sertac. Wie lange ist das her, seit ich ihn das letzte Mal sah? In welcher Klasse ist er von der Schule abgegangen? Besonders gut leiden konnte ich ihn nicht, glaube ich.
Aber er freut sich, mich zu sehen. Wir schütteln uns die Hände. „Was machst du?“ fragt er mich. Ich sage ihm dass ich kein Ziel habe und Liebeskummer mit Alkohol ertränken wollte. „Ah, Liebeskummer, das kenne ich, Florian. Der Liebe Gott hat es uns beiden schwer gemacht. Wir sind leider keine Schränke, nicht groß und muskulös. So muss man sein.“ Mir fällt auf dass er in der Tat nicht viel größer ist als ich. Früher war das anders. „Naja, ich habe auch kein Ziel. Zum ersten Mal seit Wochen will ich wieder raus. Ich war die ganze Zeit Zuhause bisher. Ja, ich bin seit einiger Zeit arbeitslos.“
Seltsam, denke ich. Er war immer schlecht in der Schule, viel zu faul um etwas zu machen. Dann die Drogen. Das Wort ‚Arbeitslosigkeit’ hing immer drohend über seinem Kopf, unheilverkündend. Und jetzt ist es da. Es ist genauso gekommen wie es jeder vorausgesehen hat. Und es geht leicht über die Lippen. Scheint nicht so schrecklich zu sein. Er lebt und ist guter Dinge.
Wir beschließen, gemeinsam nach Rüdesheim zu fahren.
In der Bushaltestelle haben wir eine halbe Stunde Wartezeit. Er erzählt mir von jemandem, der in Mainz Philosophie studiert und eine Arbeit über Nietzsche geschrieben hat. Sertac sagt er findet dass Nietzsche falsch verstanden wurde. Darüber muss ich schmunzeln und er versteht es als Lob. Währenddessen frage ich mich, was ich mir da eingebrockt habe. Eigentlich habe ich keine Lust mit ihm den Abend zu verbringen. Jetzt erzählt er dass er seit einem halben Jahr mit Rauchen aufgehört hat und auch keine Drogen mehr nimmt. Und ich überlege fieberhaft wie ich aus dieser Situation wieder herauskomme. Ich könnte einfach aufstehen und wegrennen. Es wäre egal, ich würde ihn nie mehr wiedersehen. Scheiß drauf, was er dann von mir denken würde.
Ich könnte auch einfach sagen ich müsse mal pinkeln, um die Ecke gehen und verschwinden.
Aber ich bin schon viel zu betrunken, ich bleibe einfach sitzen.
In Rüdesheim laufen wir erst ein wenig umher. Durch den Weihnachtsmarkt.
„Warum sind die Europäer immer so merkwürdig?“ fragt Sertac. Ich fange an zu dozieren über das was uns umtreibt, über die Lücke die wir in uns spüren und die wir auszufüllen versuchen mit Dingen wie Macht, Geld, Liebe – und vor allem (ich zeige auf die zahlreichen Buden und Stände um uns herum) mit Konsum! Dann fällt mir auf wie sehr ich genau das liebe, den Konsum. Ich sage es ihm und er stimmt mir freudig zu. Ein paar Meter weiter grüßt uns freundlich ein Weihnachtsmann. Ich bin überrascht. Diese Freundlichkeit habe ich an so einem Tag nicht erwartet.
Ein bekanntes Gesicht läuft mir über den Weg. Ich grüße sie, sie bleibt stehen. Sertac entfernt sich höflich. Sie weiß schon, dass es aus ist mit dem „Traumpaar“, wie sie sagt; dabei lächelt sie zynisch und ich frage mich was dieser Zynismus zu bedeuten hat. Die Neuigkeit unserer Trennung hat anscheinend schon die Runde gemacht, bevor ich selbst sie überhaupt verarbeiten konnte. Ansatzweise. Sie geht weiter und ich frage mich, ob es aufgefallen ist, dass ich so betrunken bin. Wahrscheinlich.
Sertac will ins Qu. Ich war noch nie da, lasse mich mitschleifen. Er kennt den Türsteher, sagt er. Tatsächlich: Freundschaftlich unterhält er sich mit dem bulligen Kerl in der schwarzen Jacke. Es kostet aber 4€ Eintritt und so viel hat Sertac nicht, also gehen wir wieder. Da hat auch seine Freundschaft nichts genützt.
Wir gehen in irgendeine Kneipe. Mir fällt auf dass ich nicht weiß in welche, also frage ich ihn leise. Er sagt mir den Namen und kurze Zeit später habe ich ihn wieder vergessen. Dort werde ich noch betrunkener. Ich bestelle einen ‚Fürst Bismarck’. Keine Ahnung was das ist. Klingt aber wichtig und gut. Die Kellnerin fragt mich ob ich ihn pur haben möchte. Ich sage „ja“ als wüsste ich was ich täte. Sertac trinkt ein Bier. Eine klare Flüssigkeit bekomme ich in einem kleinen Glas hingestellt. Ich rieche nicht dran, trinke sofort. Es ist scheußlich, schmeckt einfach nur nach Alkohol, kein Beigeschmack. Ich kippe es runter. Sertac erzählt mir begeistert dass er nicht Türke genannt werden will, sondern „Indogermane“. Ich tue das und quatsche etwas über Druiden und Kelten. Und über das Wasser des Lebens. Daraufhin trinken wir einen Aquavit.
Neben uns sitzen zwei Mädchen und unterhalten sich. Wir verstehen ihre Sprache nicht, verstehen nicht einmal welche Sprache das ist. Irgendwann werden sie angesprochen. Eine von beiden ist tatsächlich hübsch. Sie sind Schweizerinnen, die Überraschung ist groß. Ich murmle etwas davon dass ich mal Verwandte aus der Schweiz hatte. Sie fragen wo. Aus der Nähe von Luzern, sage ich und stelle fest dass ich viel zu betrunken bin um solch eine Unterhaltung zu führen. Also klinke ich mich aus und bestelle ein Wasser. Davon wird mir schlecht.
Die Schweizerinnen gehen irgendwann. Müssen ein Schiff erreichen, was ich, sogar mit vollem Kopf, für eine Ausrede halte.
Inzwischen ist es nach elf Uhr und das Gnoom hat auf. Wir gehen dort hin und ich frage mich wieso. Lege ich es darauf an, sie zu treffen? War das die ganze Zeit schon mein Plan?
Als wir ankommen ist sie nicht da. Ich stelle fest dass ich erleichtert bin. Wir gehen kurz rein, nur ein paar gesichtslose Gäste. Mir geht es gar nicht gut. Ich gehe raus und setze mich auf eine Treppe, lehne mich gegen eine Glasvitrine. Wo ist Sertac?
Ich will warten, bis sich vor meinen Augen nichts mehr dreht. Aber das passiert nicht.
Irgendwann läuft mein indogermanischer Freund an mir vorbei. Er sieht mich nicht. Ich habe keine Lust ihn auf mich aufmerksam zu machen. Mir ist immer noch übel und ich wundere mich warum meine Haare offen sind.
Ich gehe.
Gewiss würden noch Busse oder Züge fahren, aber ich laufe. Und auf dem Weg nach Hause merke ich, dass dieser belanglose Abend genau so ist wie ich: Er muss festgehalten werden, sonst ist er bedeutungslos. Mich selbst kann ich nicht festhalten, ihn aber schon, beschließe ich.
Zuhause angekommen treffe ich meine Mutter. Sie schaut mich besorgt an. Mir fällt ein, dass ich ihr gesagt habe ich ginge nur kurz spazieren.
Ich lege mich in mein Bett und diese Geschichte endet ohne Pointe, denn nichts was echt ist läuft auf irgendetwas hinaus.
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