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Du befindest dich in der Kategorie: Kaninchenbau Sonntag, 11. März 2007
Mittendrin anstatt glücklich.
Jetzt ist es amtlich. Das nur als Aufhänger. Ich bin jetzt also ein Vierteljahr solo. Das ist der wohl unerfreulichste Zustand, in dem ich mich je befunden habe. Leider ist er langsam ein Teil von mir geworden. Ich weiß nicht mehr wie es jemals anders war als jetzt. Anders als schlecht und bedauerlich. Dass ich einmal gelebt habe ist so lange her, und dass ich wieder leben werde liegt in zu ferner Zukunft. Ich habe das so satt, aber eigentlich weiß ich garnicht genau was, denn, wie gesagt, ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es eigentlich wirklich mal besser war. Alles was ich weiß ist dass das Single-Dasein die Hölle ist und ich frage mich wie das so viele Menschen so lange aushalten können. Ich habe keine Freiheit dazugewonnen, nur Möglichkeiten verloren. Gestern war ich auf einer Party. Ein Konzert von Icebine mid Sowercrowd. Der Agrajag hat mir davon erzählt. Was er mir nicht erzählt hat, was ich erst kurz bevor wir da sind erfahre, ist, dass es sich bei diesem "Konzert" um eine Geburtstagsparty handelt. Und dass nichtmal die Band weiß wer da eigentlich feiert. Also spiele ich den Roadie, trage den Gitarrenkoffer und sehe einfach mal wichtig aus. Seriös stolpere ich in einen alten Weinkeller, in dem sich außer ein paar verdächtig lächelnden Erwachsenen, an denen alles, aber auch wirklich alles, nach: Vorsicht! Eltern! schreit, nur noch die Band befindet. Das Geburtstagskind ist noch nicht da. Ich sammle Informationen: Sie feiert rein, dies ist eine Art Überraschungsparty, aber irgendwie auch wieder nicht. Und auf Nachfrage, wer die zu Feiernde denn sei, wird sie mit voller Überzeugung als "blonde dicke Emoschlampe" beschrieben. Die Zeit vergeht in diesem Weinkeller, es ist auf einmal schon nach zehn und sie hat immer noch nicht begonnen, die Party. Alte Weinkeller sind etwas, das ich wohl vermissen werde, wenn ich den Rheingau verlasse. Den Großteil aller Partys habe ich in solchen Löchern verbracht. Manchmal glaube ich, der Rheingau selbst ist nichts anderes als ein großer alter Weinkeller, mit ein paar Klappbänken als Sitzmöglichkeit und einer kleinen Theke. Inzwischen sind etwas mehr Leute erschienen. Alles typische Gesichter, ohne herausragende Merkmale. Vertauschbar und langweilig. Ich stolziere an ihnen vorbei und werfe ihnen mitleidige Blicke zu. Einen bekomme ich zurück. Irgendwas an der Art mich anzulächeln sagt mir, dass ich es mit der besagten Emo-Schlampe zu tun habe. So dick, denke ich mir, ist sie garnicht, und eigentlich auch nicht Emo. Aber blond. Später stelle ich mich als Gitarrenträger vor und erhalte die Absolution für meine Anwesenheit. Noch später hat die Party dann auf einmal angefangen, ohne dass ich den Übergang gemerkt habe. Inzwischen ist der Keller gut gefüllt und die Theke ist mit konturlosen jungen Mädchen besetzt, die Bier und Würstchen ausgeben. Vor dem Auftritt soll ich dem Gitarristen noch ein Bier holen, wozu ich mich als Roadie auch verpflichtet sehe. Ich drängle mich an die kleine Bar, winke mit der leeren Bierflasche, die ich zuvor zugesteckt bekommen habe und sage sowas wie "noch eins", während ich durch meine Haare etwas zu erkennen versuche. "Florian? Mensch, bist du das?" werde ich ungläubig angeblafft. "Jaa..." sage ich vorsichtshalber, denn schließlich bin ich das wirklich. In dem Moment erkenne ich mein Gegenüber. Von der fünften bis zur zehnten Klasse war ich in sie verschossen. Dann ist sie von der Schule abgegangen. Sie war immer die unerreichbar große, schlanke Schönheit gewesen. Jetzt, stelle ich fest, ist sie nichtmehr so viel größer als ich. Ich sage ihr das auch, sie lacht und sagt sie trage auch noch Plateau- Schuhe. Sie erzählt mir, was sie jetzt tut, aber ich verstehe kein Wort davon (und heute frage ich mich, ob sie mir nicht überhaupt einfach nur irgendwas erzählt hat, was keinen Sinn ergab). Sie hat immer noch die selbe berauschende Wirkung auf mich wie früher. Aber schnell merke ich, dass es nicht nur mir so zu gehen scheint. Da sind lauter Kerle, die sie kennt, und die ständig um sie herumspringen und uns unterbrechen. Einer ist besonders penetrant. Der Typ ist auch noch verdammt hässlich, wie ich vergnügt feststelle, sein Kopf sieht aus wie ein umgedrehter Kegel, nur etwas eckiger, was von der hässlichsten rahmenlosen Brille der Welt unterstützt wird. Und auf einmal, als wäre der Blitz eingeschlagen, sehe ich was hier läuft. Also, das habe ich ja auch schon vorher gesehen, aber jetzt ändert sich die Perspektive. Jetzt bin ich mit drin, ein Teil davon. Ich bin eine jener bedauernswerten Kreaturen, die sich um eine schöne Frau scharen und verzweifelt versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Und dann noch mehr. Und ich stelle mir vor, was alles kommen würde, mal den unwahrscheinlichen Fall angenommen meine armselige Buhlerei wäre von Erfolg gekrönt. Das alles widert mich so an und ich verliere jede Lust, noch länger bei ihr zu stehen; überhaupt noch länger dieses Rollenverhalten anzunehmen. Können sich ihre Attraktivität sonstwohin stecken, die schönen Frauen; und selbst wenn es bedeutet auf immer die Solonummer schieben zu müssen, ich weigere mich auch nur eine Sekunde länger Teilzunehmen an diesem Veitstanz der Triebhaftigkeit. Ich überwinde den Stier und spucke ihm verachtend ins Gesicht. Das wird sich rächen, das weiß ich, aber in diesem Moment bin ich wenigstens den großen Kerlen, mit ihren Flirtversuchen, die hier überall herumwuseln, entwachsen. Irgendwann ist der Auftritt dann vorbei, und irgendwann beschließen wir zu gehen. Ich sehe meinen alten Schwarm, möchte mich verabschieden und noch irgendetwas Nettes loswerden. Aber sie wird gerade von den Eltern belagert und ich weiß auch garnicht was ich hätte sagen sollen, also tippe ich sie einfach an und rufe: "Tschüss." und dann will ich noch aus irgendeinem Grund "bis bald!" hinzufügen, aber das stimmt überhaupt nicht, also breche ich mittendrin ab und sage "bisb!" und sie nickt und sagt: "Ja." und dann bin ich schon weg. Der Abend endet in einer verrauchten Halle, in der wir Leuten beim Karaoke zuhören und wie gebannt auf die Textprojektion an der Wand über der Theke starren. Irgendwann wird eine Schischa auf den Tisch gestellt und dann weiß ich, wo wir hier sind. Ein weiterer schöner Mensch kommt, wir kennen uns, und ich werde umarmt. Das letzte Mal haben wir uns an Silvester gesehen und das ist garnicht so übel, denke ich, anscheinend kenne ich immer noch mehr Menschen als es mir vorkommt, wenn ich die ganze Woche mit den selben Erwachsenen Berufsverbrechern verbringe. Anstatt unglücklich zu sein, bin ich nur noch nichtmehr glücklich, in diesem Moment und anstatt den Text von "Dirty" mitzugrölen, formen meine Lippen andere Worte. "Anstatt dass
Anstatt dass
sie Zuhause bleiben und im warmen Bett
brauchen sie Spaß
brauchen sie Spaß
grad als ob man für sie eine Extrawurst gebraten hätt’
DAS ist der Mond über Soho
DAS ist der verdammte „fühlst du mein Herz schlagen?“-Text
DAS ist das „Wenn du wohin gehst, geh ich auch wohin, Johnny“
Wenn die Liebe anhebt und der Mond noch wächst
Anstatt dass
Anstatt dass
Sie was täten, was ’nen Sinn hat und ’nen Zweck
Machen sie Spaß
Machen sie Spaß
Und verrecken dran natürlich glatt im Dreck
Was nützt dann dein „Der Mond über Soho“
Wo bleibt dann ihr verdammter „fühlst du mein Herz schlagen?“ Text
Wo ist denn das „Wenn du wohin gehst, geh ich auch wohin, Johnny“
Wenn die Liebe aus ist und allein du verreckst?"
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