Umzugswahnsinn
Hier sitze ich, in meinem neuen Zimmer, das mich sehr stark an mein altes erinnert, letztlich ist die Einrichtung ja mehr oder weniger die Selbe. An der Decke hängen ein paar unschöne Wasserflecken, die wie Schimmel aussehen, aber das wird bald beseitigt werden, dafür ist schon gesorgt.
Internet habe ich leider noch kein eigenes, aber auch daran wird schon gearbeitet. Bisher muss ich bei meinem Mitbewohner an den Mac.
Ansonsten aber alles recht gemütlich.
Soweit zu kommen, aber, war ein weit schwierigeres Unterfangen als man sich das so vorstellt.
Der Abreisetag: Es ist Samstag, ca. 13 Uhr, ein großer Familienwagenmercedes irgendeiner Klasse mit einem großen Anhänger hintendran verlässt den Rheingau. Im Anhänger, von einer grauehn Plastikplane überdacht, schunkelt mein ganzer Besitz hin und her. Vorne im Wagen ist dann der Rest von mir, also ich selbst. Und der Agrajag, aber der gehört nicht zu mir, nicht so direkt jedenfalls. Mein "Fahrer", Herr H., gibt kurz die Regeln bekannt:
"Ja, ich fahre ja sonst Lastwagen, mir macht das hier nix aus, es kann sein dass ich jetzt mal für einige Stunden garnichts sage, aber ihr könnt hier ruhig machen was ihr wollt. Also, das stört mich wirklich nicht, was immer ihr so macht, fühlt euch wie Zuhause. Wenn einer mal auf's Klo muss, dann sagt er einfach bescheid, dann halten wir an der nächsten Raststätte. Sonst könnt ihr euch hier ausleben wie ihr wollt, ob jetzt einer einen ziehen lässt, das stört mich nicht, das ist okeh."
Leider, bis auf das Beispiel am Schluss der Rede, fiel mir nichts ein, was man da so hätte machen können, nach dieser herzlichen Einladung. Denn irgendwie, so kam es mir vor, schien er fast zu hoffen, dass wir irgendwas taten, damit er seine Kulanz beweisen konnte. Nur war ich nicht in der Stimmung, und mein magen nach dem Türkeiurlaub noch immer nicht in der Lage, mich hier zu betrinken und mit Agrajag herumzugrölen. Der sah das wohl ähnlich und von dem würde ich, das wusste ich jetzt schon, die Fahrt über nichts mehr hören, da er, in iPod und Buch versunken, zu abwesend sein würde. Irgendwie tat es mir leid, den Herrn H. also enttäuschen zu müssen.
Die Fahrt verlief dann reibungslos und ohne größere Zwischenfälle-
Bis etwa kurz nach Frankfurt, wo das Kühlerwasser überkochte. Wir hielten an mehreren Raststätten, Herr H. goss Wasser nach, oder tat dies und das, bis schließlich, irgendwo auf der Autobahn, der Motor ganz ausfiel und auch nicht mehr anging.
Kurz hinter einer Kurve, an einer Waldböschung mit zeckenverseuchter Wiese, standen wir dann. Ins Auto, das am Fahrbahnrand stand, durften wir nicht mehr, das sei "zu gefährlich"... "Wenn da einer reinfährt."
Der Anhänger mit meinem Kram wackelte wie wild hin und he, jedes Mal wenn ein Auto vorbeifuhr. Alles darin wurde durchgeschüttelt. Ja, sollte da jetzt einer reinrasen,. dann wäre alles Schrott, was ich besitze, dann würde ich am liebsten hinterherspringen, dachte ich so bei mir.
So also warteten wir auf den Abschleppwagen. Zwei Stunden lang. Herr H. wartete irgendwo, immer kurz hinter unserer Sichtweite, sodass ich mich mehr als einmal fragte, ob er nun getürmt sei. Und bei jedem vorbeifahrenden Auto bangte ich um meine weltlichen Besitztümer.
Irgendwann kam er dann: Der ADAC.
So ein kleines gelbes Aufklärungswägelchen tuckerte vorbei. Wie der uns wohl abschleppen will, fragte ich mich, leicht besorgt bei dem Gedanken, er könne nur das Auto wegbringen und meinen Anhänger stehen lassen. Aber das hatte er nicht vor. Der dicke gelbe Engel schaute sich alles an und entschied dann, was wir schon vor zwei Stunden bestellt hatten: Ein Abschleppwagen muss her! "Den ruf ich dann an, sobald ich losgefahren bin, das dauert nämlich immer so 15 bis 20 Minuten, bis die zurückrufen." Aha.
Wir warteten also nochmal über eine Stunde. Dann kam er, der Abschleppwagen. Und nach einer lächerlichen weiteren halben Stunde ging es dann auch schon weiter: In der Fahrerkabine des großen gelben LKWs, schmerzhafte Kilometer in die entgegengesetzte Richtung, zu ADAC-Hautpblablastelle. Inzzwischen war es 19 Uhr. Wir waren kurz hinter Frankfurt, oder so. Einen Leihwagen bekamen wir nicht.
Mein Fahrer beschloss also, dass Agrajag und ich die Nacht in einem Hotel verbringen würden, während er zurückfuhr, um am nächsten Tag mit einem neuen Wagen aufzukreuzen. Das Zimmer würde er selbstredend bezahlen und wir sollten uns einen schönen Abend machen.
Der Anhänger wurde derweil in einer Garage verschlossen.
So geschah es dann auch. Im nahegelegenen Supermarkt kauften wir uns flüssiges Rauschmittel: Meine Wahl fiel auf "Bocco". Bocco, das ist der kleine Bruder von Zappo, in einer 0,75l, statt in einer 1 Liter Flasche. Warum das anders heißt ist mir ein Rätsel. Jedenfalls schmeckt es gleich, sieht gleich aus, und hat auch die gleiche Wirkung, zwischen Brechreiz und Glückseligkeit.
Mir ein Zimmer zu mieten, das hatte ich vorher noch nicht getan, das war sowas wie aufregend. Am Empfangsschalter waqr niemand, also machte ich, entzückt, mit der ganzen Hand von der kleinen silbernen Glocke gebrauch. Bald kam der Portier. "Ich hätte gerne ein Zimmer für eine Nacht." sagte ich und zeigte auf Agrajag und mich. "Ist noch eins frei?"
"Ja, natürlich. Da müssen sie aber jetzt bezahlen. Den Schlüssel können sie morgen einfach auf dem Zimmer liegen lassen."
Schließlich unterschrieb ich noch irgendeinen Wisch, auf dem ich schonmal die neue Adresse üben konnte. Das Zimmer war sehr komfortabel, usw. Und der Bocco auch.
Am nächsten Morgen hatte ich davon noch genug übrig, um ihn mir zu versüßen. (Also den Morgen, nicht den Bocco, das würde keinen Sinn machen).
Nach einem ausgiebigen McDonald's Frühstück ging es dann so gegen 13 Uhr weiter.
Agrajag bezeichnete mich noch als Zechpreller, weil ich die Telefonrechnung im Hotel nicht beglichen hatte (am Vortag rief ich von dort noch meinen Mitbewohner an, um die Zeitplanverschiebung mitzuteilen). Aber schließlich sollten wir den Schlüssel ja nur liegenlassen und nicht mehr zur Rezeption gehen. Mir schien das nur Rechtens.
Herr H. erschien an der Tankstelle, an der wir auf ihn warteten, mit einem großen schwarzen LKW. An diesen hängten wir den im Vergleich kleinen Anhännger mit meinem sorgenvoll bedachte Hab und Gut an.
Ich saß auf dem mittleren Platz der Fahrerkabine. Dieser war leicht erhöht und wies, zu meinem Missfallen, keine Schnalle für meinen Gurt auf. Also steckte ich die Schlaufe in meinen Sitz, damit es wenigstens so aussah, als wäre ich angeschnallt.
Die Fahrt verlief dann reibungslos und ohne größere Zwischenfälle.
Etwa zwei Stunden lang. Da fuhr nämlich ein Polizeiauto vor uns. Auf der LED-Anzeige erschienen die gern gelesenen Worte: Bitte folgen!
Die Polizisten - an ihrem Akzent konnte man erkennen, dass wir inzwischen endlich Hessen verlassen und irgendein Ost-Bundesland erreicht hatten - sahen aus wie aus einem Comic. Der eine dick und klein, mit grimmigem Stasi-Blick; der andere groß und kräftig, mit spitzzulaufender Nase und Sonnenbrille. Während sie mit meinem Fahrer sprachen, legte ich behutsam meinen Hut neben den Sitz, damit bloß nicht sichtbar wurde, dass ich keine Schnalle hatte. Dann hätten wir die Weiterfahrt vergessen können.
Die Polizisten erbrachen verbal irgendwas davon, dass man Sonntags nur mit besonderer Erlaubnis einen LKW mit Anhänger fahren dürfe. Wir würden also bis 22 Uhr warten müssen. zudem musste Herr H. noch eine dicke Geldstrafe blechen.
Als wir, von unserem Haltepunkt aus, losfuhren, zur nächsten Raststätte (soweit durften wir gnädigerweise noch), sah mir der kleine Dicke direkt in die Augen, während ich mich anschnallte. Ich nahm den Gurt, klemmte ihn hastig zwischen den Sitz und hoffte, dass das alles natürlich ausgesehen hatte.
Schien so. Er hielt uns jedenfalls nicht nochmal an.
An der Raststätte warteten wir also nochmal einen halben Tag. Da gibt's nicht viel zu zu sagen, das war nur langwierlig, mehr nicht. Und obwohl ich ja theoretisch alles was ich besaß und jede mit meinem Besitz mögliche Beschäftigungsalternative mit mir herumfuhr, konnte ich nicht an sie heran. Herr H. gab uns noch ein Mittagessen aus und dann.... war es irgendwann endlich 22 Uhr... und es ging weiter...
Die Fahrt verlief dann reibungslos und ohne größere Zwischenfälle.
Diesmal wirklich, mehr passierte nicht. Um 2 Uhr nachts kamen wir dann auch schon an; ich schleppte noch meine Matratze hier hoch und ließ mich dann fallen.
Nach zwei Tagen war ich endlich angekommen. Die ständige Sorge um meine Sachen lastete immer noch auf mir, vor allem mein gebrechlicher kleiner PC machte mir Bauchschmerzen.
Es ist aber, das kann ich jetzt sagen, alles soweit intakt angekommen. An meinem Sekretär fehlt ein Bein, das hatte Herr H. im kaputten Wagen vergessen, schickt es mir aber nach. Und -naja- mir fehlt ein Lampenschirm und eine Glühbirne. Ich frage mich, wo die hin ist...
Inzwischen ist Samstag, oder eigentlich schon Sonntag früh, also eine Woche ist vergangen und der Agrajag ist wieder Zuhause. Mein Mitbewohner nahm mich heute mit auf eine Geburtstagsfeier in einer noch-nicht-aber-bald eröffneten Kneipe. Die heißt "Silver Future". Das klingt nicht nur schwul, ist es auch.
Auf dieser Party habe ich mich, zwischen all den anderssexuellen Frauen und Männern, dann noch deplazierter gefühlt als es bei meiner sozialen Inkompetenz sowieso schon der Fall gewesen wäre. So lief ich nicht gerade zu gesellschaftlichen Höchstformen auf, verblieb meist schweigsam mit mir selbst und meinen Gedanken.
Naja. Dafür kenne ich jetzt ganz gut die Schwulen & Lesben Szene in meinem Bezirk - und damit einhergehend die Betreiber von blogsport.de, nette Typen, die ich vielleicht bald "Freunde" nennen werde, wer weiß. Schließlich liefen noch "die Sterne" mit "ruiniert", was für mich den Abend rettete, und das Geburtstagskind bekam ein ganz tolles Geschenk, das sofort ausprobiert wurde: Eine Schokoladenfontäne. Über eine dreistöckige Pyramide lief flüssige Schokolade genüsslich langsam hinab. Und man konnte mit kleinen Holzstäbchen Marshmallows hineintunken. Das war so unerhöhrt abartig und pervers geil, dass ich mich nach einer Weile davon wegsetzen musste, sonst wäre es mein sicherer Tod gewesen.
Und das war's.
So, jetzt ist fast schon wieder Sonnenaufgang, aber das ist auch gut so. Ich beabsichtige nämlich, mich dem Tag- und Nachtrythmus meines Mitbewohners anzupassen. Denn der steht meist erst so um 15 Uhr auf. Heute zum Beispiel habe ich ihn bis 21 Uhr nicht einmal zu Gesicht bekommen.
...sobald ich hier anständige Rollläden habe werde ich sowieso den ganzen Tag nur noch schlafen. So ohne Internet ist das nix...